Stabilität der Persönlichkeit, dargestellt mittels eines Turms aus Steinen unterschiedlicher Größe. Im Hintergrund ist das Meer.

Wie stabil ist unsere Persönlichkeit?

BIG FIVE Persönlichkeitstests sind mächtige Werkzeuge und helfen uns dabei uns selbst und unsere Mitmenschen besser verstehen zu können. Ob Sie nun mit Klient*innen arbeiten, Bewerber*innen evaluieren oder Kolleg*innen besser verstehen möchten – in nahezu jeder Lebenslage können BIG FIVE Persönlichkeitstests hilfreich sein. Doch wie lange sind diese Ergebnisse gültig? Verändert sich unsere Persönlichkeit mit der Zeit? Und wenn ja: Wann sollte eine erneute Erhebung der Persönlichkeit veranlasst werden?

Grundsätzlich muss zwischen inter- und intraindividuelle Stabilität der Persönlichkeit unterschieden werden. Unter interindividueller Stabilität der Persönlichkeit versteht man eine Konsistenz im Erleben und Verhalten zwischen Personen über Situationen hinweg.

  • Ist also Person A in allen Situationen vorsichtiger als Person B?

 

Die intraindividuelle Stabilität beleuchtet hingegen die absolute Stabilität des Erlebens und Verhaltens einer einzelnen Person.

  • Ist Person A also in jeder Situation gleich vorsichtig, oder verändert sich die Vorsicht über Situationen hinweg?

 

Die Forschung der Psychologie zeigt dabei, dass Persönlichkeitseigenschaften relativ stabil sind, obwohl sie nicht vollends transsituativ stabil sind. Das bedeutet, dass wir immer gewisse Verhaltenstendenzen zeigen, die sich je nach Situation jedoch in unterschiedlichem Verhalten ausdrücken können. Das schließt auch unser Arbeitsleben mit ein, in welchem wir uns möglicherweise anders verhalten als in unserem Privatleben, da wir hier mit unterschiedlichen Situationen konfrontiert sind. Zudem sind manche Personen in ihrem Verhalten konsistenter als andere. So scheinen manche Menschen beispielsweise unabhängig von der Situation immer sehr hilfsbereit andere hingegen schwanken – je nach Situation – stärker in ihrer Bereitschaft zu helfen (Asendorpf, 2011).

Wie stabil ist Persönlichkeit über die Lebensspanne

Die Stabilität unserer Persönlichkeit schwankt zwischen dem 6. und 18. Lebensjahr noch etwas, festigt sich dann aber bis zum 50. Lebensjahr stetig. Je weiter fortgeschritten ein Mensch in seinem Leben ist, desto weniger unterliegt die Persönlichkeit also noch Schwankungen, auch weil die Umwelteinflüsse weitestgehend gleichbleibend sind. (Roberts & DelVecchio, 2000)

Konsens der Forschung ist allerdings auch, dass sich die Persönlichkeit über unsere Lebensspanne systematisch verändern kann. Das kann von mehreren Faktoren abhängen:

  1. Es gibt eine generelle Persönlichkeitsveränderung, die die meisten Menschen durchlaufen. Die BIG FIVE Persönlichkeitsfacetten „Gewissenhaftigkeit“ und „Kooperation“ nehmen mit zunehmendem Alter beispielsweise zu. Hingegen sinkt mit dem Alter meist die Ausprägung der „Extraversion“ und der „Sensibilität“. Diese Beobachtung nenn man auch den „durchschnittlichen Entwicklungsverlauf“ eines bestimmten Merkmals, da er sich bei den meisten Personen in ähnlicher Weise beobachten lässt. Nach dem 18. Lebensjahr handelt es sich bei diesen durchschnittlichen Veränderungen lediglich um Nuancen.

 

  1. Es gibt allerdings auch „differentielle Veränderungen“ der Persönlichkeit, die nicht typisch für das Alter sind und auf individuelle Erlebnisse und Entwicklungen zurückzuführen sind. Da die Umwelt einen großen Einfluss auf uns Menschen nimmt, kann diese auch die Persönlichkeitsentwicklung beeinflussen. Besonders prägende Ereignisse oder Lebensumstände können deshalb auch die Persönlichkeit eines Menschen auf eine Art und Weise beeinflussen, die untypisch für gleichaltrige ist (Herzberg & Roth, 2014).

 

  1. Menschen sind allerdings nicht nur Spielbälle ihrer Umwelt, sondern interagieren gezielt mit ihr. Die „Person-Umwelt-Passung“ beschreibt dabei, dass Menschen sich ihre Umwelt pro-aktiv suchen oder gestalten, sodass diese zu ihrer Persönlichkeit passt und dementsprechend ihr Erleben und Verhalten stabilisiert (Rauthmann, 2015). Ein Beispiel hierfür ist die Berufswahl, wenn Personen diese auf Basis der Passung zur eigenen Persönlichkeit treffen. Diese Wechselwirkung aus Umwelt und Person beeinflusst dadurch ebenfalls die Persönlichkeitsentwicklung.

 

Wann sollten Persönlichkeitsevaluierungen neu erhoben werden?

Es lässt sich also zeigen, dass unsere Persönlichkeit ab dem Erwachsenenalter und mit Eintritt ins Berufsleben stabil ist und interindividuelle Unterschiede auch über mehrere Jahre hinweg zuverlässig vorhergesagt werden können. Lediglich besonders tiefgreifende Lebensereignisse können im Erwachsenenalter noch stärker auf die Persönlichkeit wirken. Sind erneute Erfassungen der Persönlichkeit dementsprechend überhaupt notwendig?

Das hängt ganz von den Umständen ab. Wofür wird die Persönlichkeitsevaluation genutzt? Geht es darum geeignete Bewerber*innen zu finden oder interne Beförderungen vorzunehmen? In diesem Fall sollten Sie eine erneute Testung durchführen. Einige Personen durchlaufen auch in ihrem Erwachsenenalter noch Entwicklungen der Persönlichkeitseigenschaften, die es zu beachten gibt. Und obwohl sie auch mit einer jahrealten Persönlichkeitserhebung bei vielen Personen noch eine gute Vorhersage treffen könnten, ermöglicht eine neue Erhebung besonders auf Facettenebene wertvolle Informationen. Nutzen sie auch die Möglichkeit beide Ergebnisse zu vergleichen und ggf. zu besprechen, um ein besseres Verständnis für ihre Klient*innen oder Bewerber*innen zu erlangen.

 

Quellen:

  • Asendorpf, J. B. (2011). Persönlichkeitspsychologie. Springer Berlin Heidelberg.
  • Herzberg, P. Y., & Roth, M. (2014). Persönlichkeitspsychologie. Springer-Verlag. (https://www.springer.com/de)
  • Rauthmann, J. F. (2015). Grundlagen der Differentiellen und Persönlichkeitspsychologie: Eine Übersicht für Psychologie-Studierende. Springer-Verlag. (https://www.springer.com/de)
  • Roberts, B. W., & DelVecchio, W. F. (2000). The rank-order consistency of personality traits from childhood to old age: A quantitative review of longitudinal studies. Psychological Bulletin, 126(1), 3–25.

Über den Autor
Felix Kiwitt ist seit August 2020 Mitarbeiter der LINC GmbH und ist studierter Wirtschaftspsychologe (B. Sc.)


 

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