Die Krise und das Ich – Welche Rolle die Persönlichkeit bei der Bewältigung von Krisen spielt

Für die allermeisten Menschen stellt die derzeitige Situation eine äußerst herausfordernde Zeit, wenn nicht sogar eine echte Krise dar. Ob privat oder beruflich, wenig ist von der Normalität geblieben, wie wir sie kannten. Wie erfolgreich ein Mensch durch solche Krisenzeiten kommt, hängt sehr maßgeblich von der individuellen Ausgestaltung der Persönlichkeit ab. Gerne möchte ich Ihnen in diesem Artikel einige Einblicke in die Perspektive der Persönlichkeitspsychologie auf das Thema Krisenbewältigung geben.

Coping-Strategien: Wie wir Probleme angehen

Zunächst einmal verfügt jeder Mensch über individuelle Strategien, mit denen er oder sie auf Problemsituationen reagiert. Psycholog*innen nennen diese individuell ausgeprägten Verhaltensmuster Coping-Strategien. Grob betrachtet lassen sich die unterschiedlichsten Coping-Strategien in zwei Kategorien einteilen: emotionsbasierte Strategien und problemorientierte Strategien. Emotionsbasierte Strategien zielen dabei darauf ab, eine andere Perspektive auf das Problem einzunehmen und dadurch negative Emotionen zu reduzieren, während problemorientiertes Coping zum Ziel hat, das Problem mittels direkter Aktivitäten aus der Welt zu schaffen.

In der Regel präferieren wir eine der beiden Kategorien, wenden für die Bewältigung von Krisen aber zumeist eine Kombination beider Wege an. Ein Beispiel: Eine fiktive Person stellt fest, dass sie unter der coronabedingten Kontaktbeschränkung leidet, da ihr die sozialen Kontakte zu Freunden und Verwandten fehlen und sie zu vereinsamen droht. Daraufhin beruhigt sie sich selbst mit dem Gedanken, dass diese Beschränkung zeitlich begrenzt, medizinisch notwendig und auch einem größeren Ziel dienlich ist (emotionsbasiertes Coping). Gleichzeitig telefoniert sie aber auch häufiger mit ihren sozialen Kontakten oder trifft sich zu Video-Calls mit ihnen (problemorientiertes Coping). Es ist nun wichtig zu verstehen, dass unterschiedliche Coping-Strategien in verschiedenen Situationen unterschiedlich effektiv sind. So lässt sich die Corona Situation keinesfalls einfach durch problemorientierte Handlungen vollständig aus der Welt schaffen, weshalb ein gewisser emotionsorientierter Coping-Anteil für die erfolgreiche Bewältigung der Krise zwingend erforderlich ist.

Charaktereigenschaften: Der Einfluss der Big Five auf das Krisenverhalten

Für das Thema Krisenbewältigung ebenfalls lohnend erscheint ein Blick auf die Big Five als maßgebliche Determinanten der Charaktereigenschaften. Hier wird deutlich, dass unterschiedliche Bereiche der Big Five jeweils einen Einfluss auf verschiedene Aspekte der Krisenbewältigung haben. Interessant ist dabei auch immer ein etwas tieferer Blick auf die Facetten, die unter den großen fünf Persönlichkeitsdimensionen liegen und diesen zugeordnet sind. Nachfolgend eine Übersicht zum Einfluss der Big Five auf die Bewältigung von Krisen:

  • Extravertierte Menschen sind insgesamt aktiver und haben gegenüber Introvertierten den Vorteil, dass sie sich leichter damit tun, soziale Beziehungen aufzubauen und zu pflegen. Dadurch können sie in Krisenzeiten leichter auf soziale Unterstützung zugreifen (problemorientiertes Coping) – ein zentraler Aspekt z.B. im Rahmen von Stressbewältigung. Besonders relevant sind hier die Facetten Soziale Offenheit und Außenorientierung. Introvertierten Menschen fällt es dagegen leichter mit Phasen des Alleinseins umzugehen (Facette: Innenorientierung), sie greifen dabei eher auf emotionsorientierte Coping-Strategien zurück (z.B. Introspektion).
  • Offenen Menschen fällt es in der Regel leichter, sich auf die Veränderungen einzustellen, die Krisen mit sich bringen. Für beständige Menschen ist dies häufig eine echte Herausforderung, da sie aus ihren gewohnten Abläufen gerissen werden und sich schnell auf neue Umstände einstellen sollen, ohne selbst Einfluss darauf zu heben. Wichtig sind hier die Facetten Konzeptionelle Innovation und Handlungsinnovation der Big Five.
  • Gewissenhafte Menschen planen und analysieren in der Regel mehr als ihre eher flexiblen Mitmenschen, um die Kontrolle über ihr Leben zu behalten (Facetten: Kontrollorientierung und Ordnungsorientierung). Dies kann sich in Krisensituationen natürlich auszahlen, allerdings fehlt es sehr gewissenhaften Menschen oft an Spontanität und Improvisationsvermögen, was im Zuge tiefgreifender und dynamisch verlaufender Krisen zum Problem werden kann.
  • Besonders wichtig für die Bewältigung von Krisen ist die Dimension Emotionale Stabilität. Denn diese spielt eine große Rolle dabei, wie wir emotional auf eine Krise reagieren und wie hoch das Stresslevel ist, das durch diese Krise bei uns ausgelöst wird. Entscheidende Facetten sind hier das Anspannungsniveau einer Person und deren Stressresistenz.

Psychologische Modelle im Coaching nutzen

Welchen Nutzen können die vorgestellten Modelle für die Bewältigung der momentanen Krise haben? Zum Einen kann das Wissen über die eigenen Coping-Strategien und Charakterstile helfen, vergangene Verhaltensweisen (ob erfolgreich oder nicht) besser einzuordnen und daraus konkrete Schlüsse für die derzeitige Situation zu ziehen. Zum Anderen können – mit der Unterstützung eines kompetenten Coaches – auf der Basis dieser Erkenntnisse individuell zur Persönlichkeit passende Handlungsstrategien für eine erfolgreiche Bewältigung von Krisensituationen erarbeitet werden.

 

Ihr

Dr. Ronald Franke

 


Über den Autor:

Dr. Ronald Franke ist Geschäftsführer der LINC GmbH, promovierter Wirtschaftspsychologe und zertifizierter systemischer Coach. Als Berater und Trainer war er für Unternehmen aus den Bereichen Automotive, Pharma Maschinenbau und Handel tätig. Sein Wissen gibt er außerdem seit über 10 Jahren als Dozent an Hochschulen weiter (u. a. Leuphana Universität Lüneburg, FOM Hamburg).


 

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